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Zettelkasten mit KI: 4 Fragen, die dich selbst denken lassen

Stell dir vor, deine KI hat dir gerade fünf perfekte Links für deinen Zettelkasten vorgeschlagen. Sauber begründet, richtige Syntax, alles passt. Du klickst auf „Übernehmen“. Und dann merkst du: Keinen einzigen dieser Gedanken hast du selbst gedacht.

Genau das ist die Falle, wenn du einen Zettelkasten mit KI führst. Die Technik ist bequem, schnell und ziemlich gut. Aber sie nimmt dir genau die Arbeit ab, für die du den Zettelkasten eigentlich angelegt hast. Wie du die KI trotzdem nutzt und an der entscheidenden Stelle selbst denkst, klären wir jetzt.

Inhaltsverzeichnis

  • Wo wird im Zettelkasten eigentlich gedacht?
  • Was ist der Zettelkasten-Kompass?
  • Süden: Wo führt dich die Idee hin?
  • Osten: Warum die KI beim Gegenteil schwächelt
  • So arbeitest du im Zettelkasten mit KI zusammen
  • Fazit

Wo wird im Zettelkasten eigentlich gedacht?

Ein Zettelkasten ist eine Sammlung kurzer Notizen, bei der jeder Zettel genau einen Gedanken enthält und mit anderen Zetteln verlinkt wird. Wenn du die Methode noch nicht kennst, findest du hier einen Überblick: PARA vs. Zettelkasten.

Denkarbeit passiert im Zettelkasten an genau zwei Stellen. Erstens beim Schreiben der Zettel. Zweitens beim Verlinken, also dann, wenn du entscheidest, welcher Gedanke zu welchem passt.

Und genau diese zweite Stelle geben gerade viele an die KI ab. Vor ein paar Wochen habe ich selbst getestet, wie Claude Zettel in meinem Zettelkasten ablegt und verlinkt. Das Ergebnis war beeindruckend schnell und sauber. Und genau darin lag das Problem. Denn über deine Arbeit denkst du nicht nach, indem du eine App bedienst. Und auch nicht, indem du eine KI bedienst.

Jetzt kannst du sagen: „Aber die KI findet doch Verbindungen, auf die ich nie gekommen wäre!“ Stimmt. Vielleicht aber nur, weil du dir nicht die richtigen Fragen gestellt hast.

Im Video zeige ich dir den Kompass Schritt für Schritt:

Was ist der Zettelkasten-Kompass?

Mein Werkzeug gegen das Abgeben des Denkens ist ein winziger Zettel. Vier Zeilen, mehr nicht. Er hängt bei mir unter dem Zettel „Gute Notizen machen“.

Die Idee: Du stellst deine neue Notiz in die Mitte eines Kompasses und schaust in alle vier Himmelsrichtungen.

  1. Norden: Wo kommt die Idee her? Aus welchem Buch, welchem Gespräch, welchem Gedanken, den du schon mal hattest?
  2. Westen: Was ist ähnlich? Welcher Zettel sagt etwas Vergleichbares?
  3. Süden: Wo führt das hin?
  4. Osten: Was ist das Gegenteil?

Norden und Westen sind die naheliegenden Richtungen. Wenn du Notizen ablegst, fragst du dich das wahrscheinlich ohnehin schon. Und ehrlich gesagt: Genau das kann auch die KI ziemlich gut.

Süden: Wo führt dich die Idee hin?

Spannender wird es, wenn du nicht zurückschaust, sondern nach vorne. Noch präziser: Wo führt die Idee dich hin? Was heißt dieser Gedanke für deine Arbeit, für dein nächstes Projekt? Welche Frage wirft er auf?

Mit dieser Frage verlinkst du nicht mehr nur Ähnliches, sondern baust einen Argumentationsfaden. Eine neue Notiz führt einen Gedanken fort, beantwortet eine offene Frage oder baut eine Gegenposition auf. Dafür sind übrigens auch die Nummern im Zettelkasten da: Ein Zettel, der einen Gedanken fortführt, bekommt eine Nummer direkt dahinter. So siehst du schon an der Nummer, wo ein Faden weiterläuft.

Die KI kann dir hier Anstöße geben. Aber wohin der Gedanke dich führt, weißt nur du.

Osten: Warum die KI beim Gegenteil schwächelt

Die wichtigste Himmelsrichtung ist der Osten. Was ist das Gegenteil?

Diese Frage stellt fast niemand an seine eigene Notiz. Wir suchen nach Bestätigung, nach dem, was passt. Das Gegenteil fühlt sich erstmal unbequem an. Und genau hier ist die KI am schwächsten: Bittest du sie um passende Links, liefert sie dir … Passendes. Den Widerspruch bringt sie selten von sich aus.

Ein Beispiel aus meinem Zettelkasten: „Fleiß bei Shallow Work wird durch KI entwertet.“ Shallow Work ist Routinearbeit wie E-Mails sortieren oder Berichte formatieren. Norden und Westen waren schnell beantwortet, die Idee stammt unter anderem von Cal Newport und Henning Beck, und Ähnliches gab es schon bei der Dampfmaschine. Beim Osten geht es aber nicht um das plumpe Gegenteil, sondern eher um ein „Ich glaube nicht, dass man das so sagen kann“. Wo wird Fleiß also nicht entwertet? Bei Deep Work zum Beispiel, oder bei sozialer Interaktion.

Das fällt einem nicht in den Schoß. Darüber musste ich beim Schreiben des Skripts selbst nachdenken. Und genau diese Reibung ist der Punkt, ähnlich wie beim Friction Maxing.

So arbeitest du im Zettelkasten mit KI zusammen

Heißt das jetzt: KI raus aus dem Second Brain? Nein. Ich arbeite selbst mit KI im Zettelkasten. Entscheidend ist die Reihenfolge:

  1. Erst selbst denken: Nimm dir zwei, drei Minuten und geh einmal über den Kompass. Schau dir deine Top-Level-Zettel an oder mach eine schnelle Schlagwortsuche. Wer sich zuerst selbst an einer Antwort versucht, merkt sie sich besser, selbst wenn der erste Versuch falsch war.
  2. Dann die KI fragen: Jetzt darf sie ran. Schlägt sie etwas Überraschendes vor, umso besser. Dann denkst du genau darüber gründlich nach.
  3. Den Link selbst begründen: Den Satz, warum ein Link gesetzt wird, schreibst du selbst, zum Beispiel „Widerspricht der These in …“. Kannst du diesen Satz nicht schreiben, fliegt der Link raus.

Deine Mini-Aufgabe für heute: Nimm deine letzte Notiz und stell ihr nur die Ost-Frage. Was wäre das Gegenteil, oder wo stimmt der Gedanke nicht? Wie du Notizen grundsätzlich weiterverarbeitest, zeige ich dir übrigens auch in Highlighting 2.0.

Fazit

Die KI ist ein toller Assistent für Norden und Westen. Beim Süden gibt sie dir Anstöße, aber den Osten musst du selbst denken. Denn genau dort wächst dein Second Brain über das hinaus, was du schon weißt.

Wenn du das nicht nur verstehen, sondern Schritt für Schritt mit deinem eigenen Second Brain umsetzen willst, dann komm in meinen Fokus-Club. Dort findest du kostenlose Videokurse zu Second Brain, Obsidian und Zettelkasten bis hin zur Live-Unterstützung.

FAQ

Kann ich einen Zettelkasten mit KI führen?

Ja, einen Zettelkasten mit KI zu führen ist sinnvoll, solange du die Denkarbeit nicht komplett abgibst. Geh zuerst selbst über deine Notiz und lass die KI erst danach Links vorschlagen.

Was ist der Zettelkasten-Kompass?

Der Zettelkasten-Kompass besteht aus vier Fragen zu einer neuen Notiz: Wo kommt die Idee her, was ist ähnlich, wo führt sie hin und was ist das Gegenteil?

Warum soll ich nach dem Gegenteil meiner Notiz fragen?

Weil wir instinktiv nach Bestätigung suchen und die KI vor allem Passendes liefert. Der Widerspruch bringt dich auf Gedanken, die du noch nicht hattest.

Wann sollte ich einen von der KI vorgeschlagenen Link löschen?

Wenn du nicht selbst in einem Satz begründen kannst, warum die beiden Notizen zusammengehören.


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